Nocte Obducta

Mit dem Ziel, binnen Jahresfrist Koks, Nutten und säckeweise Goldtaler anzuhäufen, wurde die Band 1993 von Arvid, Jan, Limbach, Marcel und S. Magic M. gegründet. Fortan erging man sich in einer wüsten Mischung aus Metal, Punk und unfreiwillig abgefahrener Lagerfeuermusik. Unter dem Banner Desîhra wurden schräger Gesang, jugendliches Gegrunze und Instrumente, die sich auf keinen eigenen Stil festlegen konnten, gemischt, und manchmal spielte man sogar einen Song fast fehlerfrei durch. Tatsächlich schaffte es sogar ein Riff des Proberaum-Erfolg-Hits "Dark Days" auf das spätere Album "Taverne (In Schatten schäbiger Spelunken)".

Nocte Obducta Bandfoto 2013

Im Frühling 1995 hatte man irgendwo zwischen Todesblei, Doom, Schwarzmetall, Psychedelic, Schweinerock, klassischem Metal und dem Mangel an Erfahrung endlich so etwas wie einen eigenen Stil gefunden, doch anstatt endlich das Demo aufzunehmen oder mal eine Bühne zu betreten, konzentrierte man sich auf Beschäftigungen wie den mehrfachen Verlust eines Proberaums oder ein rotierendes Line-up, eine Tugend, die später zu einer der vielen fragwürdigen Bandtraditionen wurde.
Und so erschien das Demo "... doch lächeln die blutleeren Lippen/Begräbnisvermählung" zeitgleich mit dem späten ersten Auftritt erst im Januar 1998 — mit schwer schwarzmetallischer Schlagseite, ein Klangbild, das für ein halbes Jahrzehnt dominierned sein sollte. Es folgte ein Deal mit Grind Syndicta Media, und begleitet von weiteren Wechseln der Besetzung erschienen die Alben "Lethe (Gottverreckte Finsternis)", "Taverne (In Schatten schäbiger Spelunken)", "Schwarzmetall (Ein primitives Zwischenspiel)" und "Galgendämmerung (Von Nebel, Blut und Totgeburten)". Insbesondere "Taverne" sei hier hervorzuheben, bündelte die Band doch auf diesem Album wohl am deutlichsten ihre unterschiedlichen musikalischen Vorlieben und muss sich wohl bis heute ungeachtet der vielleicht eher sparsamen Produktion immer wieder an diesem Album, das es immerhin auf Platz 1 des Legacy-Soundchecks brachte, messen lassen.

Nach Matzes Geburtstagsparty Ende Dezember 2002, bei der auch Robby von Supreme Chaos Records zugegen gewesen war, und auf der man unter der Verwendung weniger Worte und vieler Liter Bier diverse Hymnen der Mainzer Legende Fracture "gesungen" hatte (teilweise in völliger Unkenntnis der Texte), wurde irgendwann Anfang 2003 ein Vertrag mit Supreme Chaos Records unterzeichnet. Es folgten "Stille (Das nagende Schweigen)" und nach langer Pause auch endlich wieder Auftritte, man hatte gerade sogar ein stabiles Line-up. Als ein Höhepunkt in der Bandgeschichte ist hier das I-Wood am 28.06.2003 zu nennen. Der Auftritt war sicher nicht einer der besten, die wir je gespielt haben, aber die Atmosphäre dieses Sommers und die Chemie innerhalb der Band manifestierten sich hier an nur einem Wochenende, und die Stunden zwischen dem Auftritt und dem Frühstück wird man wohl nie vergessen, auch wenn der allgemeine Pegel einen Filmriss durchaus gerechtfertigt hätte. Im März/April des Folgejahres folgten die Aufnahmen zu "Nektar (Teil 1 — Zwölf Monde, eine Hand voll Träume)" und "Nektar (Teil 2 — Flüsse, Seen, Tagebücher)", die Sommer 2004 bzw. Frühling 2005 erschienen, und wie üblich rotierte das Besetzungskarussell. Nachdem man aus Gründen, die hier keine Rolle spielen sollen, die beiden möglichen Nachfolger für "Nektar" verworfen bzw. aufgeschoben hatte, beschloss man an einem Abend in der damaligen Stammkneipe, ein Album mit noch höherem Instrumentalanteil aufzunehmen. "Sequenzen einer Wanderung" sollte flexibel auf alle Probleme während des Produktionsprozesses reagieren können und gleichzeitig stilistisch so unspezifisch sein, dass den Fans klar würde, die Band wäre keineswegs daran interessiert, den Weg "Stille — Nektar 1 — Nektar 2" vorhersehbar fortzuführen. Danach wollte man weiter an den aufgeschobenen Alben arbeiten — leider kam alles ganz anders.

Obwohl das Jahr 2005 ein ungemein kreatives gewesen war, machten sich ab Anfang 2006 Verschleißerscheinungen bemerkbar. Massiver Ärger mit "externen Entitäten" und eine interne Entwicklung, die anscheinend nicht jeder in der Band mitbekam, mündeten im Frühling in umfassende Frustration, zumal es bei mehr als nur einem Bandmitglied auch privat massiv kriselte. So beschloss man also im Mai 2006, die Band nach den Aufnahmen vorläufig auf Eis zu legen und sich ohne jegliche Verpflichtungen und Pläne bis auf weiteres in den Proberaum zurückzuziehen. In Anbetracht der Tatsache, dass man sich nicht moralisch verpflichten wollte, in absehbarer Zeit auf der Bühne auch den ersten sieben Alben der Bandgeschichte Beachtung schenken zu müssen, entschloss man sich außerdem zu einer Änderung des Bandnamens. Der Name Dinner Auf Uranos hatte einen engen Bezug zu den Tagen, in denen Desîhra ihren eigene Stil fanden und schien somit den Kreis zu schließen. Doch Unstimmigkeiten zwischen Plattenfirma und Studio machten auch die Aufnahmen zu "Sequenzen einer Wanderung" zu einer Tortur, und als das Album fast drei Jahre nach Beginn der Aufnahmen erschien, da war das, was eigentlich als ein Neuanfang für Nocte Obducta gedacht gewesen war, letztlich ein Abgesang. Verstärkt wurde dieser Eindruck von der stilistischen Bandbreite und den nach Abschied und Ende klingenden Samples — dabei war das Album als eine Art Gegenstück und gleichermaßen Schwesteralbum zu "Schwarzmetall" konzipiert worden, bevor die ersten Gedanken an eine Pause oder gar Auflösung auftauchten.

Unter dem Namen Dinner Auf Uranos ging es mit leicht veränderter Besetzung ähnlich chaotisch weiter, selbst das Album "50 Sommer — 50 Winter" endete letztlich als eine Zusammenstellung zweier EPs, derweil der musikalische Kern der Band — der naturgemäß sehr nah an Nocte Obducta lag — es aus vornehmlich finanziellen Gründen nicht auf ein Album schaffte. "Töte das Jahr für mich" war hier wohl die Ausnahme und zeigte in etwa, was der Band eigentlich vorschwebte. Selbstredend ging das Arbeiten an metallischem Liedgut im Hintergrund weiter, es war angedacht, das Material unter anderem Namen zu veröffentlichen.

Letztlich war es Flange, der überzeugend anmerkte, dass es einigermaßen albern sei, den Fans Black Metal im weitesten Sinne zu verkaufen, der von der Kernbesetzung von Nocte Obducta gespielt wurde, und dann einfach einen anderen Namen auf das Album zu pappen. So wurde also der Entschluss gefasst, alle möglichen ehemaligen Mitglieder wieder zusammen in einen Raum zu holen, sofern dies organisatorisch möglich war. Und weil solche Dinge bei Nocte Obducta nunmal nie so laufen, wie man es sich wünscht, fiel so mancher zumindest für das Album "Verderbnis (Der Schnitter kratzt an jeder Tür)" aus, und die große Zusammenkunft verschob sich letztlich auf den 27.12.2010. Der instrumentale Teil des Albums war seit ein paar Wochen endlich komplett im Kasten, und so begann ein grandioser Tag mit ehemaligen Bandmitgliedern verschiedener Schaffensperioden im Pestpunker. Da ein Hauch von Anis niemals fehlen darf, floss der erste Ouzo noch vor zehn Uhr morgens, und am Ende stand ein Album, das sich zwar völlig anders als geplant entwickelt hatte, aber dennoch zur Zufriedenheit aller Beteligten ausfiel. Vor allem aber war das alte Feuer wieder entfacht und allen war klar, es musste weitergehen.

Ein knappes Jahr später erschien "Verderbnis" über MDD, und wiederum ein halbes Jahr später ging die Band nach sechs Jahren Abstinenz auch wieder auf die Bühne. Parallel dazu arbeitete man an "Umbriel (Das Schweigen zwischen den Sternen)". Ziel dieses Album war es, die verspielte und psychedelische Seite der Jahre 2006 bis 2011 endlich angemessen zu bündeln und gleichzeitig der Resignation und Trostlosigkeit dieser Jahre ein musikalisches Gesicht zu geben.

Und nun, da das Album mit der mittlerweile üblichen Verzögerung erschienen ist, finden wir wohl auch wieder die Muße, den über die Jahre erweiterten Soundkosmos auszuleben und gleichzeitig das Material neu zu beleben, das Anfang 2006 auf ein viel zu weit entferntes Abstellgleis geschoben worden war.